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Meine Sorge vor einem Weltkrieg wächst stetig

1945 ging der letzte große Krieg zu Ende; der zweite Weltkrieg. Weltweit sind diesem Krieg schätzungsweise 65 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Die Welt erlebte ein noch nie da gewesenes Leid und Elend. Die meisten meiner Generation kennen noch die Erzählungen der Eltern bzw. Großeltern über ihre Erlebnisse jener Zeit. Der Wunsch nach einem dauerhaft stabilen Frieden ist nach derartigen Erfahrungen nur all zu verständlich. Mir hat es aber immer mehr den Anschein, dass dieser Frieden schon sehr bald ein Ende haben könnte. Ich bin wahrlich kein Experte in der Außen- und Sicherheitspolitik. Ich kann hier nur meine persönliche Wahrnehmung der letzten Monate wiedergeben.

Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende. Der Frieden in Europa ist Geschichte. Seit dem zweiten Weltkrieg hat es keinen Bodenkrieg mehr in Europa gegeben, indem ein Land ein anderes Land überfällt. Russland hat die Ukraine mit regulären Truppen zu Land, in der Luft und zu Wasser angegriffen. Schlagartig war Millionen Menschen bewusst, wie fragil ein sicher geglaubter Frieden sein und wie schnell das Leid und Elend wieder Einzug halten kann. Wir müssen fast tatenlos zusehen, wie jeden Tag unzählige Menschenleben für die Machtbesessenheit eines einzelnen Menschen geopfert werden. Junge Männer werden in einen völlig sinnlosen Krieg geschickt, Millionen Menschen sind vor Bomben und Kriegsverbrechen auf der Flucht. Hierzulande werden Stimmen lauter, die Fragen, wann die völlige Eskalation eintrifft, vor der sich zurecht so viele Menschen fürchten.

Russland provoziert den dritten Weltkrieg

Seit dem Einmarsch der Russen vergeht kaum ein Tag, in dem Russland nicht provoziert und dem Westen mit Waffengewalt droht. Seit Wochen nimmt die Schärfe der Drohungen aus Moskau zu. Unverhohlen wird sogar mit einem Atomschlag gedroht. Da drängt sich einem die Frage auf, ob Russland auf den dritten Weltkrieg bewusst aus ist oder diesen billigend in Kauf nimmt. Für mich ist aber eines klar, die Welt steht am Abgrund und kurz vor einem neuen Weltkrieg.

Am vergangenen Wochenende sprach unser Bundeskanzler, Olaf Scholz (SPD) davon, dass er alles daransetze, einen Atomkrieg zu verhindern. Derartige Aussagen sind dahingehend bemerkenswert, weil sie von höchster Regierungsstelle kommen. Man kann Scholz nun unterstellen, dass er überreagiert habe und aus purer Angst heraus solche Äußerungen tätige. Doch Scholz ist nicht der Typ, der sich aus der Fassung bringen und sich zu solchen Aussagen hinreißen lässt. Für mich ein möglicher Hinweis dafür (reine Spekulation), dass aus Moskau in Richtung Berlin klare Botschaften gesendet wurden und die reale Gefahr besteht, dass Russland Europa ins Visier genommen hat. Aus russischer Sicht auch klar, denn der Westen beliefert die Ukraine mit Waffen und macht es der russischen Armee damit sehr schwer, militärisch erfolgreich zu sein.

Russland will die Ukraine einnehmen, das ist mehr als offensichtlich. Russland will danach mehr. Es hat andere Länder fest im Blick. Doch der Westen erschwert mit den Waffenlieferungen die Ziele Moskaus. Das wird für den Westen Folgen haben müssen, aus russischer Perspektive betrachtet. Putin kann es sich nicht leisten, seinem Volk eine militärische Niederlage zu präsentieren und dabei Abertausende Tote nach Hause zu bringen. Das würde ihn politisch zerstören. Genau das wird Putin nicht wollen, das wird er nicht zulassen wollen. Er wird seine Ziele erreichen wollen, mit allen Mitteln, die ihm zu Verfügung stehen. Es mag sein, dass er gegenwärtig keine Massenvernichtungswaffen einsetzen will, aber er erwähnt den Einsatz solcher Waffen. Das tut er seit Wochen immer wieder und immer häufiger. Ein weiteres Indiz dafür, dass Moskau die aktuelle Situation zuwiderläuft und es nach Lösungen sucht. Erst einmal in die Ecke gedrängt, wird Putin zu allem bereit sein.

Wer gestern das Treffen zwischen Putin und dem UN-Generalsekretär Guterres verfolgt hat, musste zusehen, dass Vladimir Putin nicht auf eine diplomatische Lösung aus ist. Er will diesen Krieg! Er lässt dies die UN spüren und macht unmissverständlich klar, dass alle nach seinen Regeln zu handeln haben. Wo soll da die Diplomatie noch eine Lösung herbeiführen können? Ich weiß es nicht.

Europa muss vorbereitet sein

Sehen wir mal den Tatsachen in die Augen. Wir leben in gewisser Maßen in Kriegszeiten, auch wenn wir selbst nicht in unmittelbarer Gefahr leben und Soldaten einsetzen. Der Westen hilft richtiger Weise der Ukraine mit Waffen und anderen Gütern aus. Dass dies nicht auf Dauer ohne Reaktion Russlands bleiben wird, muss uns allen bewusst sein. In welcher Form Russland reagieren wird, bleibt einfach abzuwarten. Nur Putin hat derzeit das Zepter des Geschehens in der Hand. Russland hat aber schon oft genug gezeigt, dass es den Worten auch Taten folgen lässt. Wir wären gut beraten, wenn wir uns auf den Ernstfall Weltkrieg vorbereiten, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Ich hoffe auch sehr, dass sich NATO und EU darauf vorbereiten, auch wenn es vielleicht niemals dazu kommen sollte.

Ich möchte klar festhalten, dass dies kein Aufruf dazu sein soll, einen Krieg zu provozieren oder zu befürworten. Auf keinen Fall! Es wäre aber naiv und tödlich zu glauben, dass Putin sich schon wieder beruhigen wird und mit seinen territorialen Gelüsten aufhören wird.

Der Gedanke an die Zukunft lähmt mich

Ich bin normaler Weise ein Mensch, der immer Lösungen sucht und auch irgendwie findet. Ich gebe mich nicht damit zufrieden, dass es ausweglos erscheint und bin an für sich immer optimistisch eingestellt. Doch die aktuelle Lage lähmt mich Tag für Tag immer mehr. Ich habe schon teils schlaflose Nächte und wirke auch etwas angespannt. Ich mache mir jeden Tag immer größere Sorgen. Wird dieser Krieg wirklich kommen? Was wird geschehen? Was wird aus meinen Freunden und meinen Kindern? Die Tatsache, dass man selbst absolut nichts machen kann, beängstigt mich sehr.

Wir haben schon mehr als zwei Jahre Corona-Pandemie hinter uns, die uns verdammt viel abverlangt hat. Nun kracht die nächste und noch verheerendere Katastrophe herein. Das bleibt an einem haften. Meine einzige Hoffnung beruht ausschließlich darauf, dass Putin noch ein Mindestmaß an Menschlichkeit in sich trägt und von einer völligen Zerstörung absieht. Dass er nicht dafür verantwortlich sein möchte, Millionen Menschen in den Tod zu schicken. Zugegebener Maßen eine verschwindend geringe Hoffnung …

Quelle Titelbild: https://pxhere.com/de/photo/1142532

Anmerkung zur Verwendung dieses Titelbildes: Es steht für die Befreiung Europas vor den Nazis und der damit verbundenen hohen Opferbereitschaft, die notwendig war, Europa zu befreien. Ich hoffe inständig, dass sowas nicht mehr notwendig sein wird.

Stephan Seidel
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