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Für unsere Freiheit müssen wir alles riskieren können

Ich möchte eingangs mit dem Gedanken beginnen, ob man sich vorstellen könne, so zu leben, wie es ein Staat zentral vorgibt. Kann man sich vorstellen, so denken und handeln zu müssen, damit man nicht in staatliche Ungnade fällt und für Jahre in ein Gefängnis gesperrt wird? Möchte man in Angst vor der Staatspolizei leben, weil man sich dem System kritisch gegenüber geäußert oder an einer Demonstration teilgenommen hat? Wäre es vorstellbar, so zu leben? Ich behaupte, die allermeisten Menschen werden an dieser Stelle mit einem klaren „Nein!“ antworten. Für mich wäre es ein grauenvolles Leben. Ich möchte meine Freiheit ausleben und auch frei meine Meinung äußern können. So, wie wir es in Deutschland vom Grundgesetz garantiert bekommen. Ich muss mich nicht davor fürchten, in ein Gefängnis gesperrt zu werden, weil ich die Bundesregierung öffentlich für ein Verhalten kritisiere. Ich möchte, dass das auch so bleibt.

Für unsere Gesellschaft ist das ein normales Gefühl, auch wenn es Geister gibt, die von einer Diktatur schwafeln mögen. Wir sind frei und wir dürfen uns frei äußern. Meine Generation und die nachfolgenden Generationen kennen es nicht, schweigen zu müssen, weil man sonst staatliche Repressalien zu fürchten hat. Vor nicht einmal 90 Jahren herrschte in Deutschland genau diese Angst vor dem Staat und seinen Helfern. Wer nicht ins Bild passte oder den Führer kritisiere, riskierte sein Leben. Genau mit dieser Angst regiert in Russland Vladimir Putin. Oppositionelle verschwinden, werden verhaftet oder ermordet. Nach seinem Selbstverständnis schaden diese Menschen dem Staat, der nach Putins Auffassung zu noch Größeren berufen ist. Alles hat sich diesem unterzuordnen.

Seit dem 24.02.2022 wird uns als freie und demokratische Welt vor Augen geführt, dass es sie noch gibt – die Diktatoren und Imperialisten, die die Landkarte neu zeichnen wollen. Sie erobern Gebiete, führen Krieg gegen freie und souveräne Staaten, unterwerfen die Menschen und beseitigen diejenigen, die sich der Macht widersetzten. Genau das geschieht seit zwei Monaten, Tag für Tag, in der Ukraine. Wenn man Putin genau zugehört hat, wie er sich in der Vergangenheit mehrfach geäußert hat, muss man feststellen, dass der Expansionswahn nicht in der Ukraine enden wird, sobald Russland die Ukraine eingenommen und unterworfen hat. Es stehen noch eine Reihe anderer Staaten auf Putins Wunschliste. Er wird den Krieg, sofern er in der Ukraine erfolgreich ist, westwärts führen. Es ist somit auch nur eine Frage der Zeit, bis russische Truppen in Polen und an der Grenze zu Deutschland stehen.

Nun, damit es nicht so weit kommt, muss man sich zu Wehr setzen und man muss die Ukraine ertüchtigen, sich zur Wehr setzen zu können. Wenn man persönlich körperlich angegriffen wird, setzt man sich doch zur Wehr. Das ist menschlich. Kaum vorstellbar, dass man sich einem Angreifer nicht zur Wehr setzt, in der Hoffnung, dass er schon rechtzeitig damit aufhören werde. Es mag wie blanker Hohn für das Opfer klingen, wenn Außenstehende die Opfergabe einfordern, um selbst nicht handeln zu müssen. Wenn man aber in diesen Tagen die Debatte um die Waffenlieferungen in die Ukraine verfolgt, muss man verbittert feststellen, dass genau das viele Menschen erwarten. Der offene Brief der „Intellektuellen und Künstler“ an den Bundeskanzler offenbart genau diese Forderung. „Ukraine, wehre dich nicht, du machst es nur noch schlimmer“. Schlimmer für wen? Für uns? Welch ein moralischer Offenbarungseid dieser Brief doch ist.

Wie ich eingangs erwähnt habe, haben wir als Gesellschaft verlernt, für die Freiheit zu einzustehen, sie zu verteidigen. Sie ist da, man hat sich an sie gewöhnt, sie wird schon bleiben. Warum sollte sich das auch ändern? Nun haben wir mit Putin einen Diktator in der Nachbarschaft, der all das infrage stellt und auch uns mit Krieg droht. Unverhohlen, unmissverständlich. Das macht uns verständlicher Weise Angst. Dieser Angst darf uns aber niemals dazu bringen, sich vor dem Aggressor zu ergeben und verbeugen. Mit einem Diktator wird man nicht verhandeln können. Egal, was man Putin anbieten würde, egal, wie viel Geld, er wird nicht verhandeln. Putin will seine Macht in Europa ausbauen und festigen. Deutschland als stärkste Wirtschaftsnation Europas wird ihm im Weg stehen. Mit der Forderung, keine Waffen an die Ukraine zu liefern und die Ukraine damit Russland dem Fraß vorzuwerfen, komme ich persönlich nicht klar. Wir sollen die Ukraine opfern, um uns aus der Schusslinie zu bringen? Glaubt ihr das wirklich, dass Putin das so hinnehmen und uns langfristig als Dank schonen wird? Sind wir moralisch schon so verdorben, dass wir das allen Ernstes in Erwägung ziehen? Nein! Das darf niemals eine Option werden, ein freies Land preiszugeben. Auch nicht mit der völlig verblendeten Hoffnung auf Frieden mit Russland. Bei allem, was wir bisher gehört, erfahren und gelernt haben, ist Putin nicht an Verhandlungen interessiert, sofern er die Bedingungen nicht komplett diktieren kann. Er will diesen Krieg, er will die Ukraine und er will sein Großrussland in Europa etablieren. Wer ihm dann im Weg steht, wird beiseite geräumt.

Ich wünsche mir genauso Frieden und Freiheit. Ein Krieg mit Russland muss vermieden werden, sofern überhaupt möglich. Ich habe keine Lust, eines Tages mit einer Waffe in der Hand auf andere Menschen schießen zu müssen. Waffenlieferungen mit Kriegstreiberei gleichzusetzen, will sich mir, trotz aller gedanklicher Anstrengungen, einfach nicht erschließen. Kurzfristig mag das in den Gedanken der Verfasser:innen des offenen Briefes logisch klingen (keine Waffen, kein Tod), doch mittel- und langfristig eine Einladung für einen Krieg mit dem Westen. Putin braucht keinen weiteren Grund für einen Krieg gegen Europa. Es spielt keine Rolle, ob wir Waffen liefern oder nicht. Der Grund ist Europa und die ihm verhasste Demokratie selbst. Diesem Wahn dürfen wir uns keinesfalls ergeben! Mir ist die Gefahr eines Krieges sehr bewusst, auch ich habe Angst davor. Wir haben diese Gefahr jedoch nicht heraufbeschwört und werden das auch mit Lieferungen schwerer Waffen tun. Wir müssen uns der Tatsache bewusst werden, dass wir nun in Europa einen Kampf für unsere Freiheit führen müssen. Es muss uns bewusst werden, dass das Schicksal der Ukraine auch ein europäisches Schicksal ist. Es ist unsere moralische Pflicht, unseren ukrainischen Freunden beiseitezustehen, auch mit Waffenlieferungen. Ich wünsche mir auch, dass wir eines (hoffentlich sehr nahen) Tages wieder Verhandlungen sehen, die auch endlich einen Frieden bringen. Doch es sieht nicht danach aus. Putin hat, für alle sichtbar, kein Interesse an Verhandlungen.

Wir haben nur zwei Optionen. Wir können uns ergeben und die Aggression über uns ergehen lassen. Wir können zulassen, dass die Ukraine von der Landkarte verschwindet. Mit ihnen Zehntausende Menschen. Wir können zulassen, dass sich trotz der Unterwerfung der Krieg Schritt für Schritt nach Mitteleuropa bewegen wird. Wir können aber auch entschieden dagegen vorgehen, zur Not auch mit Waffen. Nichts Geringeres als unsere Freiheit steht auf dem Spiel. Unsere Art zu leben ist in akuter Gefahr. Wir müssen bereit sein, alles zu riskieren, damit diese Freiheit überhaupt eine Chance auf Fortbestand haben kann. Wenn wir das nicht sind, wird unsere lieb gewonnene Freiheit und unsere Art zu leben in Gewalt und Repressalien staatlicher Willkür aus Moskau ersticken. Wollen wir so leben? …

Stephan Seidel
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