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Social-Media-Revolution nach Twitter-Übernahme durch Elon Musk?

Es war ein Paukenschlag: Elon Musk kauft den Microblogging-Dienst Twitter für umgerechnet 41 Milliarden Euro. Twitter wird von über 200 Millionen Menschen aktiv genutzt. Ich selbst nutze seit rund zehn Jahren mal mehr, mal weniger aktiv Twitter. Für mich ein schwer verzichtbares soziales Netzwerk, um sich über aktuelle Themen zu informieren und darüber zu diskutieren. Doch seit dem Kauf stelle nicht nur ich mir die Frage nach einer Alternative.

Die Probleme bei Twitter

In erster Linie ist es Twitter-Filterblase. Es werden Tweets und Twitterer vorgestellt, die deinem bisherigen Verlauf entsprechen. Ähnlich verhält sich das bei Facebook. So bildet sich mehr und mehr eine Filterblase, aus der man nur sehr schwer wieder herauskommt. Zunehmend wird es damit schwieriger andere Meinungen zu akzeptieren und zu respektieren oder diese gar als die Unwahrheit anzusehen. Unzählige Diskussionen haben mir schon regelrecht den letzen Nerv geraubt. Im Hinblick auf einen demokratischen Diskurs ein ernst zu nehmendes Problem.

Die Server für Twitter kosten Geld, viel Geld. Das will finanziert werden. Twitter hat aus diesem Grund auch werbefinanzierte Tweets eingeführt. Leider werden diese immer wieder dazu genutzt, politische Meinungen zu bilden. Twitter tut sich schwer damit, das zu unterbinden. Aus finanziellen Grünen kann es sich Twitter auch nicht leisten auf dringend benötigte Einnahmen zu verzichten.

Die Meinungsfreiheit ist in demokratisch geprägten Ländern ein hohes Gut und für eine Demokratie unverzichtbar. Sie ist zweifellos stets zu schützen. Aus unserem deutschen Blickwinkel heraus betrachtet endet die Meinungsfreiheit jedoch dort, wo Unwahrheiten anfangen und andere Menschen damit bedroht werden. Selbstverständlich erwarten wir das auch in den sozialen Medien. Für eine internationale, aber zentral geführte, Plattform ist es Tag für Tag ein Spagat. Vergleichen wir die Meinungsfreiheit, wie wir sie aus Deutschland kennen, mit den USA, stellen wir fest, dass dort nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern die Redefreiheit ein äußerst hohes Gut der dortigen demokratischen Kultur ist. Man kann in den USA seine Meinung frei äußern, auch wenn die Meinung nicht der Wahrheit entspricht. Man kann andere Personen oder Firmen regelrecht niederreden und dennoch bleibt die eigene Meinung geschützt. Für uns Deutsche mitunter verstörend, weil wir eine differenziertere Auffassung hierzu haben. Diese unterschiedlichen Ansichten prallen in Twitter aufeinander. Die EU und Deutschland fordern nicht zu Unrecht eine Durchsetzung der Regeln, damit die Meinung geschützt ist, aber Fake-News oder persönliche Angriffe unter Umständen auch strafrechtlich verfolgt werden können. Wie soll eine Plattform, wie Twitter, das alles unter einem Hut bringen und dazu noch Geld verdienen? Um letzteres geht es Twitter nun einmal.

Zusammenfassend sind alle Twitter-User von einem einzigen Anbieter abhängig. Diese Abhängigkeit wird sich durch Elon Musk auch nicht ändern. Die Meinungsfreiheit wird aus Musks Sicht heraus gestärkt, aber nach unserer Auffassung droht eine noch deutlichere Verrohung der digitalen Diskussionskultur und eine Zunahme der Einflussnahme bei politischen Debatten. Soziale Medien spielen eine immer größere Rolle bei der (politischen) Meinungsbildung. Gerade vor großen Wahlen nehmen Parteien in Deutschland mittlerweile viel Geld in die Hand, um in Twitter und Co. sichtbar zu werden. Politische Gegner tun dies einem gleich, aber die negative Einflussnahme und das negative Campainging (Schmutzkampagne) nehmen extrem zu. Nach der Übernahme durch Elon Musk wird dies mit großer Wahrscheinlichkeit noch mehr zunehmen. Alles unter dem Deckmantel der vermeintlichen Meinungsfreiheit. Es ist letztlich davon auszugehen, dass Twitter mehr und mehr zu einem politischen und wirtschaftlichen Spielball der USA werden könnte. Es braucht somit eine Social-Media-Revolution.

Die Alternative könnte Mastodon sein

Mastodon ist nicht neu und wurde bereits 2016 „erschaffen“. Bisher kaum beachtet, erfährt Mastodon durch den Twitter-Verkauf einen enormen Zuwachs. Mastodon ist Teil des der feien sozialen Netzwerke namens Fediverse. Neue Anbieter (Instanzen) schießen derzeit aus dem Boden. Mastodon ist eine dezentrales Microblogging-Plattform. Damit unterscheidet sich Mastodon grundlegend von Twitter. Es gibt eine Reihe von Anbietern (Instanzen), bei dem man sich im Regelfall kostenfrei registrieren kann. Alle Mastodon-Instanzen können untereinander kommunizieren, so dass man auch global interagieren kann. Die Mastodon-ID setzt sich aus Benutzername und Instanz zusammen und erinnert ein bisschen an eine E-Mail-Adresse. Meine beispielsweise lautet @stphnsdl@mastodon.social (Update: 10.05.2022) @stphnsdl@troet.cafe.

Vorteile von Mastodon

Der größte Vorteil besteht darin, dass man nicht von einem einzigen Anbieter abhängig ist. Sollte ein Anbieter mal seine Pforten schließen, kann man seine Mastodon-ID einfach zu einem anderen Anbieter umziehen. Follower, Beiträge und die digitale Geschichte ziehen einfach mit um.

Mastodon ist kostenfrei und werbefrei. Keine finanzierten Tweets, keine Einflussnahme durch finanzstarke Institutionen. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass manche Betreiber einer Mastodon-Instanz einen kleinen Betrag „verlangen“, damit man sich dort registrieren kann. Für mich auch völlig nachvollziehbar. Der Betrieb eines Servers, die Arbeit und das Herzblut der Admins kosten auch Geld. Vielleicht setzt sich da auch eine gewisse Kultur durch, den Betreibern solcher Instanzen freiwillig einen regelmäßigen Geldbetrag zu spenden. Technisch affine Menschen aus der IT, wie ich, haben jederzeit die Möglichkeit, eine völlig eigenständige Instanz zu betreiben.

Jede Instanz hat seine eigene Hausordnung. Da die Instanzen weltweit verteilt sind, gelten selbstverständlich unterschiedliche Regeln. Ich sehe darin einen großen Vorteil Twitter gegenüber. Es sind die Betreiber der Instanzen, die für die Einhaltung der regionalen Gesetze verantwortlich sind. Sie kennen ihre regionalen Gesetze, sie müssen sich nicht mit den Regeln fremder Regionen befassen. Natürlich kann dies auch ausgenutzt werden, das darf man nicht ganz außer Acht lassen. Man sollte sich vorher gut überlegen, welcher Instanz man sich anschließt.

Zu guter Letzt für mich ein sehr großer Vorteil. Die sogenannte Timeline wird strikt chronologisch und vor allem werbefrei sortiert. Keine Algorithmen funken dazwischen und „helfen“ einem bei der Auswahl „wichtiger“ Beiträge. Du allein entscheidest, wem du folgst und wessen Beiträge du überhaupt sehen möchtest.

Ich möchte dir an dieser Stelle noch den Blog von Mike Kuketz ans Herz legen. Unter https://www.kuketz-blog.de/tschuess-twitter-hallo-fediverse-hallo-mastodon/ findest du tiefergehende Informationen zu Fediverse und Mastodon.

Fazit

Ich halte Mastodon nicht nur aus technischer Sicht für äußerst interessant und sehe darin ein großes Potenzial, sich endlich von großen Anbietern, wie Twitter, lösen zu können. Dort kann man sich genauso austauschen, wie man es in Twitter kennt. Man sucht sich seine Follower aus und fertig. Keine lästige Werbung, keine finanzierten Tweets und kein Elon Musk, der den Laden aufkauft und zu seinem Spielzeug macht. Mastodon ist ein Netzwerk der Menschen. Wer affin ist und wer affine Menschen um sich herum hat, kann sich mit ihnen ein eigenständiges Netzwerk aufbauen und an der großen digitalen Welt teilnehmen.

Für meinen Teil werde verstärkt in den digitalen Umzug investieren. Ob ich eines Tages eine Instanz betreiben werde, kann ich derzeit nicht sagen. Mittelfristig halte ich das für eine sehr gute Option. Es liegt nun an uns selbst, Twitter und Facebook den Rücken zu kehren. Mastodon und das gesamte Fediverse bieten unzählige Alternativen dazu. Das Ergebnis ist letztlich dasselbe, die Katzenbilder 😁 haben ein digitales Zuhause, aber im Fediverse haben die Nutzer:innen deutlich mehr Kontrolle über ihre Inhalte und das drumherum.

Quelle Titelbild: https://pxhere.com/de/photo/663255

Stephan Seidel
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